Rückblick: Ösophagusatresie im Jahr 1970
Beim Lesen dieser Seiten ist zu beachten, dass heutzutage sehr gute Heilungs- und Lebensperspektiven bei einer Ösophagusatresie bestehen.
Der Beginn meiner Geschichte:
Herzlich willkommen! Falls du ebenfalls persönlich betroffen bist und bereits vor einigen Jahrzehnten geboren wurdest, möchte ich dir anhand dieser Arztbrief-Ausschnitte von damals meine OP-Geschichte skizzieren. Vielleicht kommt dir etwas "bekannt" vor. In der Navigation werden zukünftig meine Blogbeiträge zu verschiedenen Themen bez. Leben mit EA / ÖA anklickbar sein.
Die Überlebensrate von Kindern mit Ösophagusatresie hat sich seit den 1970er Jahren dramatisch verbessert.
Heute: Minimalinvasive Schlüsselloch-OP über mehrere kleine Schnitte. Standard in vielen Zentren.
Das Kind überlebte DANK der Technik, aber es "lernte" in seinen frühesten und prägendsten Erfahrungen, dass die Welt ein Ort ist, an dem schmerzhafte Eingriffe ohne Warnung geschehen, an dem Schreien keine tröstende Antwort findet und an dem es fundamental allein ist. Diese frühen impliziten Erinnerungen können ein Leben lang nachwirken (z.B. als Ängste, Bindungsstörungen, somatoforme Beschwerden).
Heute ist es das Kernstück der neonatologischen Ethik: Das "Leben retten" umfasst nicht nur die Chirurgie, sondern auch adäquate Schmerztherapie, Rooming-in, Känguruhen und bindungsorientierte Pflege. Die Lehre aus dieser historischen Ambivalenz ist, dass eine Behandlung nur dann vielschichtig/umfänglich erfolgreich ist, wenn sie sowohl den Körper als auch die psychischen Grundbedürfnisse des Kindes einbezieht.
Zusammen habt ihr, Chirurgen und Pflegepersonal, diesen Säugling durch eine sehr schwere Zeit getragen. Ihr habt gegen die Anatomie, gegen Infektionen, gegen Narben und gegen die Verzweiflung der Umstände gekämpft. Die Tatsache, dass dieses Kind am 24. April 1971 das Krankenhaus verlassen kann, ist euer gemeinsamer, großartiger Sieg.
...und zugleich: Eine solche frühe Krankengeschichte in den z.B. 1960ern, 70ern,.. ist kein Bagatellereignis. Sie kann dauerhafte körperliche, emotionale und psychische Spuren hinterlassen, auch wenn die Person „funktioniert“ und keine bewusste Erinnerung hat. Als betroffener Mensch erkennt man evtl. einen Zusammenhang im Erwachsenenalter - oder es ist einfach alles spurlos vorübergegangen - alles ist möglich.