Rückblick: Ösophagusatresie im Jahr 1970

Beim Lesen dieser Seiten ist zu beachten, dass heutzutage sehr gute Heilungs- und Lebensperspektiven bei einer Ösophagusatresie bestehen.

Der Beginn meiner Geschichte:

Herzlich willkommen! Falls du ebenfalls persönlich betroffen bist und bereits vor einigen Jahrzehnten geboren wurdest, möchte ich dir anhand dieser Arztbrief-Ausschnitte von damals meine OP-Geschichte skizzieren. Vielleicht kommt dir etwas "bekannt" vor. In der Navigation werden zukünftig meine Blogbeiträge zu verschiedenen Themen bez. Leben mit EA / ÖA anklickbar sein.

Ausschnitt eines Arztbriefes: Aufnahme im Krankenhaus wegen Ösophagusatresie
Aufnahme des Kindes am 9.12.70 wegen Ösophagusatresie. Nach entsprechender Vorbereitung wird die Operation am 19.12. durchgeführt. Bei der Operation selbst gelingt es, den oberen mit … und danach geht es wieder in die Kinderabteilung eines anderen Spitals

Die Überlebensrate von Kindern mit Ösophagusatresie hat sich seit den 1970er Jahren dramatisch verbessert.
Heute: Minimalinvasive Schlüsselloch-OP über mehrere kleine Schnitte. Standard in vielen Zentren.

Ausschnitt eines Arztbriefes: bereits Vorsorge gegen eine typische Komplikation - gegen Verengung der Speiseröhre tägliche Behandlungen
Der Eintrag beschreibt die frühe postoperative Phase nach einer Ösophagusatresie-OP. Das Kind erholt sich planmäßig, aber die tägliche Bougierung zeigt, dass bereits Vorsorge gegen eine typische Komplikation – die Verengung – betrieben wird.

Das Kind überlebte DANK der Technik, aber es "lernte" in seinen frühesten und prägendsten Erfahrungen, dass die Welt ein Ort ist, an dem schmerzhafte Eingriffe ohne Warnung geschehen, an dem Schreien keine tröstende Antwort findet und an dem es fundamental allein ist. Diese frühen impliziten Erinnerungen können ein Leben lang nachwirken (z.B. als Ängste, Bindungsstörungen, somatoforme Beschwerden).

Heute ist es das Kernstück der neonatologischen Ethik: Das "Leben retten" umfasst nicht nur die Chirurgie, sondern auch adäquate Schmerztherapie, Rooming-in, Känguruhen und bindungsorientierte Pflege. Die Lehre aus dieser historischen Ambivalenz ist, dass eine Behandlung nur dann vielschichtig/umfänglich erfolgreich ist, wenn sie sowohl den Körper als auch die psychischen Grundbedürfnisse des Kindes einbezieht.

Ausschnitt eines Arztbriefes: Aufnahme wegen Ösophagusatresie
Das Kind war nach der OP zunächst auf dem Weg der Besserung, doch in der Speiseröhre bildete sich eine so starke Verengung, dass sie komplett zu war. Dadurch konnte keine Nahrung mehr passieren – ein Rückschlag, der eine weitere (oft dringende) Intervention erforderte.
Ausschnitt eines Arztbriefes: Aufnahme wegen Ösophagusatresie
Nach wochenlangem Spitalsaufenthalt, täglichen schmerzhaften Bougierungen und der Isolation steht nun erneut das volle Trauma einer großen Operation bevor - von dem der Säugling nichts weiß. Jede Sicherheit, die sich vielleicht nach der ersten OP eingestellt hatte, ist nun nicht mehr relevant. Seine Eltern hat ein solches Kind noch gar nicht kennengelernt und die zweite OP steht an.
Ausschnitt eines Arztbriefes: Aufnahme wegen Ösophagusatresie
Nach 138 Tagen im Krankenhaus – fast fünf Monaten, die für den am 9. Dezember 1970 geborenen Säugling sein ganzes bisheriges Leben ausmachen – tritt endlich der Moment ein.

Zusammen habt ihr, Chirurgen und Pflegepersonal, diesen Säugling durch eine sehr schwere Zeit getragen. Ihr habt gegen die Anatomie, gegen Infektionen, gegen Narben und gegen die Verzweiflung der Umstände gekämpft. Die Tatsache, dass dieses Kind am 24. April 1971 das Krankenhaus verlassen kann, ist euer gemeinsamer, großartiger Sieg.

...und zugleich: Eine solche frühe Krankengeschichte in den z.B. 1960ern, 70ern,.. ist kein Bagatellereignis. Sie kann dauerhafte körperliche, emotionale und psychische Spuren hinterlassen, auch wenn die Person „funktioniert“ und keine bewusste Erinnerung hat. Als betroffener Mensch erkennt man evtl. einen Zusammenhang im Erwachsenenalter - oder es ist einfach alles spurlos vorübergegangen - alles ist möglich.